Die Lage der Industrie

Foto: Getty Images (Morsa Images)

Stockende Produktion: Durch Lieferengpässe stehen die Bänder bei den Autoherstellern immer wieder still.

Zulieferindustrie leidet unter Lieferengpässen und Ukraine-Krieg

Niedersachsens Zulieferer geraten immer stärker in Bedrängnis.
Die Wirtschaftspolitik muss nun reagieren, um Tausende Jobs zu retten.

Halbleiter, Kautschuk, Aluminium: Im Laufe des vergangenen Jahres haben die deutschen Automobil­zulieferer bereits zahlreiche Lieferengpässe durchleiden müssen. Bei einigen davon – wie dem Chipmangel – ist nach wie vor kein Ende abzusehen. Doch dass es einmal Kabelbäume aus der Ukraine sein werden, die zum weitreichenden Stillstand der Bänder in vielen Werken von Automobilherstellern führen und damit so manchem Zulieferer den letzten Stoß in die Insolvenz geben könnten, hätte wohl niemand gedacht. „Schon vor dem Krieg Russlands in der Ukraine bahnte sich eine Schieflage in der Zulieferbranche mit verheerenden Folgen für die oftmals mittelständischen Betriebe an“, sagt Dr. Volker Schmidt, Hauptgeschäftsführer des ADK. In der jetzigen Situation sei nun eine Unterstützung der Zulieferer durch die Autobauer ein Muss, wenn man verhindern wolle, dass ein ganzer Industriezweig weitgehend wegbricht.

Quelle: NiedersachsenMetall-Umfrage 24.02.-10.03.2022

Schmidt fordert daher einen Paradigmenwechsel und ein Verhältnis zwischen Zulieferern und Autoherstellern auf Augenhöhe: „Dazu muss gehören, dass die Hersteller Kostenaufschläge akzeptieren und sich an den Energiekostensteigerungen beteiligen.“ Denn nicht nur wegbrechende Aufträge aufgrund von Materialmangel kosteten derzeit Unternehmens-Existenzen. Auch die explodierenden Energiekosten stellten eine wesentliche Bedrohung dar, sofern sie sich nicht umlegen lassen. Und diese Option hätten viele Zulieferer nicht. „Die Unternehmen befinden sich in einer Sandwich-Position, bekommen Druck von allen Seiten“, fasst Schmidt zusammen. Auf der einen Seite die Einbrüche in der PKW-Produktion, die dazu führten, dass die Autobauer sich nicht an Abnahmeverpflichtungen hielten. „Das zwingt die Zulieferer zu einem ständigen Hoch- und Runterfahren der Produktion.“ Auf der anderen Seite die weiter deutlich steigenden Kosten für Material, Transport und Energie. Und dazu komme die Notwendigkeit, in die Transformation, etwa in umweltfreundliche Antriebstechnologien, zu investieren. „Da muss sich die Politik die Frage gefallen lassen: Wie soll dies noch möglich sein angesichts wegbrechender Umsätze, massiv steigender Kosten und negativer Erträge?“, so Schmidt.

Schieflage: Sven Vogt, Vorsitzender des ADK, bemängelt den Umgang der Autobauer mit den Zulieferern.

Fotos: Chris Gossmann

Für Sven Vogt, Geschäftsführer von KKT Frölich, ist das Hin und Her bei der Bestellung durch Autoher­steller längst trauriger Alltag geworden. Häufig muss die Firma Produktionsmengen finanzieren, ohne zu wissen, wie viel davon am Ende tatsächlich abgenommen wird. „Und so geht es vielen Firmen im Automotive-Bereich“, sagt Vogt. „Das reißt nicht nur immense Löcher in die Produktionskasse, sondern führt auch dazu, dass die Geschäftsführer oft am Ende des Monats nicht wissen, wie sie Mitarbeiter, Lieferanten und Materialien bezahlen sollen.“ Doch besonders ärgert ihn das Verhalten der Autohersteller: „Wenn wir mal ein, zwei Tage im Rückstand sind, kommen sofort Mails und Anrufe, wo die Teile bleiben und was das Problem ist“, sagt er. Das habe oft auch finanzielle Konsequenzen. Doch umgekehrt sähen sich die Autobauer verschiedentlich nicht in der Pflicht, rechtzeitig zu informieren: „Wir bekommen über Nacht Mails mit Stornierungen oder Ansagen, wonach man noch nicht wisse, wie viel letztlich abgenommen würde. Wir sollen dann flexibel sein und uns auf Sonderschichten einstellen. Wie soll man da vernünftig planen?“

Neben dem problematischen Einkaufsverhalten der Autohersteller bereitet der Mangel an Halbleitern und Chips auch den Zulieferern weiter Probleme. Denn die Autoindustrie trifft der Mangel besonders stark, nicht nur im Vergleich mit anderen Branchen, sondern auch mit anderen Ländern. Eine jüngste Studie des Center Automotive Research (CAR) ergab, dass 2021 insgesamt nur rund 2,6 Millionen PKW in Deutschland gebaut wurden – so wenige wie zuletzt vor 50 Jahren. Das habe neben der Corona-Krise auch an temporären Produk­tionsausfällen infolge fehlender Halbleiter gelegen. Andere Standorte wie die USA, China oder Südkorea seien bisher deutlich besser durch die Krise gekommen.

Günstiger Strompreis: ADK-Hauptgeschäftsführer Schmidt fordert die Absenkung des Industriestrompreises auf 4 Cent pro Kilowattstunde.

Nun kommt der Wegfall Russlands als Absatzmarkt hinzu. Auch wenn dieser unter den deutschen Export-­Ländern nur eine untergeordnete Rolle einnimmt, so exportierte Deutschland dennoch im vergangenen Jahr Kraftwagen und Kraftwagenteile im Wert von 4,4 Milliarden Euro nach Russland. Gravierender wirkt jedoch, dass Deutschland sich im Laufe der vergangenen Jahre in eine hohe Abhängigkeit von russischem Gas, Öl und Kohle begeben hat. Ein Drittel der Erdöl- und Erdgas-Importe stammt aus Russland, bei Steinkohle ist es sogar die Hälfte. Ein Wegfall dieser Importe ist mit hohen Risiken verbunden, was die Preise für Energie deutlich steigen lässt.

„Jeder internationale Konflikt kostet uns Wirtschaftskraft, doch die Auseinandersetzung mit Russland hat das Zeug, den Konjunkturmotor in Deutschland nach zwei Corona-Jahren das dritte Jahr in Folge abzuwürgen“, sagt ADK-Hauptgeschäftsführer Schmidt. Er fordert deshalb: „Die Bundesregierung muss nun alles tun, um die ihren Entscheidungen unmittelbar unterliegenden Belastungen für die Wirtschaft möglichst gering zu halten.“ Die vorgezogene Abschaffung der EEG-Umlage auf Juli sei dafür ein Schritt in die richtige Richtung, der allerdings zu spät greife. Darüber hinaus werden weitere Maßnahmen nötig. Etwa eine Senkung der Stromsteuersätze in Richtung eines Industriestrompreises von 4 Cent pro Kilowattstunde, damit die grobe Wettbewerbsverzerrung zulasten der deutschen Industrie durch inakzeptabel hohe Steuern und Abgaben beendet werde. Schmidt: „Man fragt sich, wie die deutsche Politik die Industrie hierzulande angesichts dieses beispiellos hohen Niveaus an Steuern und Abgaben überhaupt in die Lage versetzen will, erfolgreich in eine Energiewende zu investieren. Tatsächlich drohen diese hausgemacht hohen Energiekosten etliche kerngesunde Betriebe zu strangulieren. Eine Produktionsverlagerung ins Ausland wird für viele Betriebe so zur Ultima Ratio, um überhaupt am Markt zu bleiben.“

Quelle: VDA, NiedersachsenMetall

Im Verhältnis zwischen Zulieferern und Autoproduzenten offenbaren sich in der aktuellen Situation teils gravierende Unterschiede unter den Herstellern. So achten einige Autobauer sehr auf die Stabilität der Lieferketten, indem sie Zulieferer stützen und wichtige Teile wie etwa Kabelbäume von mehreren Herstellern beziehen. Bei anderen ist die Situation deutlich fragiler. Schmidt: „Wann, wenn nicht jetzt, sollte die Aussage ,Partnerschaft auf Augenhöhe‘ zwischen Herstellern und Zulieferern in der täglichen Praxis gelebt werden? Es geht um Verlässlichkeit, Planungssicherheit und wettbewerbsfähige Strukturen – für beide Seiten!“

[ISABEL CHRISTIAN]

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